Blogbeitrag der Zehnte

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Blogbeitrag der Zehnte

Vertrauen – und davon ganz viel.

Liebe Leser, der heutige Blogbeitrag wird einmal völlig anders.
Unsere studierte Architektin Mounia hat mir voller Vertrauen am Montag ihre letzten zwei Jahre geschildert. Wieso dies so besonders ist? Lest es selbst. Allerdings werde ich die folgenden Worte aus ihrer Perspektive wiedergeben. Zum einen, weil es für Euch verständlicher ist, zum anderen, weil es ihre Worte sind. Ich habe lediglich das Vertrauen bekommen, diese in meinem Stil für Euch wiederzugeben.

 

Hallo. Mein Name ist Mounia Sadik Cherabi. Ich habe einmal Architektur studiert, bis zum Jahre 2016, um danach in die großen Städte dieser Welt zu gehen. Düsseldorf, Paris oder am liebsten nach New York. Da meine Familie aber hier in Deutschland lebt, habe ich zunächst einmal beschlossen, mich in Düsseldorf und Köln zu bewerben. Nach langem hin und her und der häufigen Aussage, dass ich dann mit der langen Wegstrecke gar nicht verlässlich sei, habe ich beschlossen auch in Hagen und Umgebung mein Glück zu versuchen. Hierbei traf ich dann auch auf die Stellenanzeige von Dieckmann Immobilien. Das Vorstellungsgespräch beim Senior Willi Dieckmann war so freundlich und angenehm, dass ich mir etwas langfristiges gut vorstellen konnte. Ich freute mich so sehr auf meinen ersten Arbeitstag und ging voller Freude in die Berufswelt. Aufgeregt nicht mehr an der Uni zu sein. Zunächst einmal saß ich unserem lieben Malte gegenüber, welcher nach kurzer Zeit auftaute und mich aufnahm. Keinen Monat später kam dann auch noch Christian zu uns – liebevoll neckisch mein Ehemann genannt. Ich fühlte mich rundum wohl.

Nach meinem dritten Monat fand dann mit dem gesamten HvH NRW Team ein „Menschen-Kicker-Turnier“ im Musterhaus in Bergkamen statt. Ich kann mich noch erinnern, dass ich hier versehentlich ein Beinchen gestellt bekommen habe. Es tat zwar weh, aber ich dachte mir nicht weiter etwas dabei und stellte mich tapfer wieder mit in die Mannschaft von Niels auf. Keine drei Minuten später musste dann Malte auf Grund meines Schmerzes für mich einspringen. Da ich am Montag darauf für zwei Tage nach Hannover für eine Schulung sollte, machte ich mir zunächst einmal keine Gedanken mehr. Aber Niels bestand darauf, dass ich am Wochenende noch ins Krankenhaus ging. Hier wurde nichts festgestellt und meinem Kurztrip am Montag stand nichts mehr im Wege. Dachte ich. In Hannover angekommen, hielt ich es vor Schmerzen kaum noch aus und ging lediglich zu den Schulungen und zum Essen. Du weißt ja wie gerne ich esse.

Da es innerhalb der nächsten drei Wochen nicht besser wurde, beschloss ich, erneut in ein Krankenhaus zu fahren. Der Schock saß tief, als die Ärzte mir mitteilten, dass meine Ferse komplett zertrümmert sei. Angst und Trauer überkamen mich, ich war doch gerade erst richtig im Berufsleben gestartet. Was würde wohl mein Chef dazu sagen? Aber diesen Gedanken konnte ich erst einmal nur wenig Beachtung schenken, auch wenn sie ein stetiger Begleiter waren. Ich kam zeitnah in einen OP-Saal, in welchem mir eine Titanplatte eingesetzt wurde. Nach drei Monaten, im Januar 2017, durfte ich endlich mein Bein wieder vollständig belasten. Mit einem großen Schrecken noch einmal davongekommen – dachte ich.

Zusammen mit Vanessa und unserer ehemaligen Kollegin Jessica plante ich die Einrichtung und Eröffnung unserer Mährstraße. Eine Woche nach der Eröffnung am 01.o4.2017 musste ich noch ein letztes Mal zur Kontrolle. Eigentlich keine große Sache mehr, die letzten verliefen alle einwandfrei. Doch plötzlich sah ich den Blick meines Arztes, der nichts Gutes verhieß: Schraube gebrochen. Wieder in ein Krankenhaus.

Nach Ostern wurde ich dann in die Klinik nach Bochum überwiesen, wo man mich erneut operieren sollte. „Es kann sein, dass Sie aufwachen und einen Fixateur am Bein tragen werden. Wie bei Forrest Gump.“ Aber was blieb mir anderes übrig, es würde schon alles gut gehen. Mama und Papa warteten von 13:00 bis 21:00 Uhr, als ich endlich im Aufwachzimmer die Augen öffnete. „Es ist alles gut. Mir geht es gut.“ waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. Mit meinem anderen Bein strich ich langsam entlang des operierten. Und da war er. Schwer und lästig. Schockartig. Der Fixateur.

Sechs lange Monate war er dann mein Begleiter. Ich konnte froh sein, dass es Sommer war. Keine langen Hosen waren mehr möglich, lediglich Shorts oder Kleider. Nunja, sechs Monate und dann wird alles wieder gut. Auch das schaffe ich noch.

Von wegen: Drei Wochen später lag ich immer noch im Krankenhaus und das Unglück nahm seinen Lauf. Alles war rot und entzündet, das Antibiotika war mittlerweile fester Bestandteil meines Speiseplans.
Trotzdem wurde ich nach Hause geschickt. Endlich zu Hause. Mein geliebtes Bett, meine geliebte Familie, die vertraute Umgebung. Mir sollte es schlagartig besser gehen. Aber das hielt nur für eine sehr kurze Zeit. Der Pflegedienst, der regelmäßig zum Säubern meines treuen Begleiters kam, war besorgt. Die Entzündung schritt immer weiter voran. Also erneut in ein Krankenhaus. Erneut Blut abnehmen und dann der nächste Schock: Meine Nierenwerte waren miserabel. Man behielt mich direkt weitere vier Wochen im Krankenhaus, um die Entzündung zu überwachen und die Nierenwerte in den Griff zu bekommen.

Mitte Juni. Sommer. Endlich darf ich nach Hause. Leider wurden die Nierenwerte immer schlechter, sodass ich auch den Spätsommer viel im Krankenhaus verbringen musste und meine Nephrologin mich bereits vor der Dialyse warnte. Alle waren so lieb zu mir. Ein Arzt nannte mich immer „Zuckermädchen“. Ich stellte brav meine Ernährung um und träumte schon davon, bald wieder voll berufstätig werden zu können.

Es kam der 1. September. Der Tag, an dem mich mein treuer Begleiter, der Fixateur, endlich verließ. Jetzt aber musste doch alles besser werden. Jetzt war meine Zeit gekommen. Aber wieder nichts. Es ging mir jede Stunde sichtlich schlechter, bis die Ärzte mir eine Blutvergiftung verkündeten. Im Fixateur mussten sich Bakterien angesammelt haben. Also ging es für mich alle zwei Tage zum Blut abnehmen. Trotzdem durfte ich wieder arbeiten. Eine ganze Woche. Dann kam das Wochenende und ich bekam schlagartig keine Luft mehr. Und dann ging alles ganz schnell. Bevor ich mich versehen konnte war ich bei meiner ersten Dialyse. Mein neuer treuer Begleiter, der mich bis heute nicht verlassen hat. An diesem Tag begann ein neues Leben für mich. Die Dialyse wurde mein zweites Zuhause.

Ich hatte keine Angst. Keine richtige. Ich war einfach nur unendlich traurig. Das Risiko war mir zwar vorher bewusst und Dialyse war mir durch den ein oder anderen Film ein Begriff, aber was mich da erwartete, das Ausmaß, das war mir nicht bewusst. Was darf ich noch? Was darf ich nicht mehr?

Aber ich war nicht alleine. Ich war nie alleine.
Meine Eltern, meine Brüder, meine Freunde und auch mein Chef und meine Kollegen waren immer für mich da. Mein Papa fuhr mich jeden Tag zur Dialyse und holte mich auch wieder ab. Bis zu diesem einen Tag. Dieser Morgen war noch wie jeder andere. Ich machte mich fertig für die Arbeit, stieg zu meinem geliebten Papa in´s Auto, arbeitete meine Stunden im Büro ab und zu Feierabend hin, wartete ich erneut auf Papa´s Auto und seine innige Umarmung.

Aber nichts. Es kam kein Auto. Eine ganze Zeit lang nicht. Irgendwann holte mich der beste Freund meines Bruders zusammen mit seiner Mutter ab. Ich wusste nicht wie mir geschah. Papa konnte mich nicht mehr abholen, er war vor wenigen Stunden plötzlich verstorben. Mein wichtigster Anker, mein Haltepunkt, wenn mir wieder einmal alles zu viel wurde. Er war nicht mehr da. Sein Asthma riss ihn aus unserem Leben und wir konnten uns nicht einmal mehr verabschieden. Der 12.04.2018 traf mich härter, als alles andere zuvor.

Papa – ich liebe Dich und ich weiß, dass du immer für mich da bist und von dort oben über mich wachst.


Wie ich das alles bis heute geschafft habe? Manchmal weiß ich es nicht. Was ich aber weiß ist, dass ich das ohne meine Familie, Freunde, Kollegen und meinem Chef niemals geschafft hätte. Seien wir mal ehrlich: Welcher Chef ist so gnädig mit einem, wenn man nicht einmal aus der Probezeit raus ist? Ich bin dankbar, dass meine Dieckmann Familie mich weiterhin „normal“ behandelt und nicht als kranken Menschen. Ich bin dankbar, so viele tolle Menschen während dieser Zeit kennen- und auch lieben gelernt zu haben. Ohne die Dialyse hätte ich niemals Dimi kennen gelernt, der mich trotz meiner Krankheit und meiner Zickerein so akzeptiert, wie ich bin. Und auch Dich hätte ich nicht kennen gelernt.

Was ich aus dieser Zeit gelernt habe? Dankbar sein. Man wird dankbarer für die Menschen, um einen herum. Dass diese Menschen gesund sind.

Was ich erreichen möchte? Mit dem Vorurteil aufräumen, dass man als Dialyse Patient nichts mehr unternehmen kann. Dass man lebensunfähig wird. Denn das ist nicht wahr. Ich habe weniger Zeit, das stimmt. Drei Mal die Woche gehe ich nach der Arbeit zur Dialyse und bin nie vor 22:00 Uhr zuhause. Aber ich habe gelernt es zu akzeptieren. Und auch wenn ich irgendwann einmal die Chance auf eine Spenderniere bekommen sollte, werde ich nie die Menschen vergessen, die für mich da waren. All die, die ich bereits aufgezählt habe. Aber auch die Ärzte und Krankenschwestern. All die Menschen, die immer an meiner Seite standen und mir geholfen haben.

Es gehört zu meinem Leben, aber es ist nicht mein Leben.

 

Liebe Mounia, ich hoffe dieser Beitrag ist so in deinem Sinne. Ich danke dir für dein Vertrauen, deine offenen Worte und vor allem für dein Wesen. Ich habe mit den Tränen gekämpft, als wir am Montag zusammensaßen und jetzt gerade kann ich sie nicht mehr zurückhalten. Du bist eine so starke Person und ich bin froh dich Kollegin, vor allem aber, dich Freundin nennen zu dürfen.

 

In Erinnerung an deinen Papa, meine Prinzessin.

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