Blogbeitrag der Einundzwanzigste

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Von großen Ängsten und wie wir diese überwinden

Eine große Stahltür, gefühlt schwer wie zehn Autos, sticht mir mit einem giftigen grün in meine Augen – eigentlich schon ein Hinweis, dass dies der falsche Weg ist oder? Aber was soll ich tun. Das Licht in meiner Wohnung wird nicht von alleine wieder angehen, die frischen Croissants backen leider nicht durch warme Luft auf und auch die warme Luft wird bald der Vergangenheit angehören, wenn ich nicht langsam mal meinen ängstigen Hintern in den Keller bewege, um die Sicherung wieder ein zu schalten. Wieso muss das blöde Dinge auch ausgehen, wenn der Hausmeister nicht zu Hause ist? Typisch. Immer gehen dann die Dinge schief, wenn man sie gerade gar nicht gebrauchen kann oder keiner da ist, der einem hilft.

Meine Angst vor diesem alten Kellergewölbe ist jedoch so groß, dass ich beschließe die ungebackenen Croissants auf einem Teller in den Kühlschrank zu legen, mir warme Klamotten anzuziehen und mich auf schnellstem Wege durch den Schnee zu meinem Auto zu kämpfen. Selbst das Auto schaufel ich lieber vom Schnee frei, bevor mich in dem schwarzen nassen Loch von Keller noch Spinnen auffressen könnten. Auf dem Parkplatz vor dem Haus meiner Eltern dann das nächste dicke Problem. Es ist bereits dunkel draußen und es sind mit Sicherheit dennoch einige Menschen unterwegs. Hier werde ich jetzt auch nicht lange mit Paloma spazieren gehen. Nun gut, muss der Hund halt heute einmal mit einer kleinen Pipirunde leben – ich bin doch nicht lebensmüde und watschel im Dunkeln durch den Schnee.

„Ach Lara, schön dass du hier bist. Perfektes Timing. Dann kannst du mir gleich helfen, ich bin gerade dabei die Lichterketten aufzuhängen.“ begrüßt mein Stiefvater mich. Weihnachtsstimmung liegt in der Luft und ich freue mich jetzt schon über einen heißen Kakao als Belohnung. Kaum stehen wir auf der Dachterrasse eröffnet sich mir allerdings erst das Übel: eine Leiter. Mit Sicherheit 3.000 oder 4.000 Meter hoch – ich bin mir da wirklich ganz sicher, dass sie mindestens so hoch sein muss. Mir schlottern die Knie, aber mir fällt leider keine Ausrede ein, weshalb ich jetzt nicht da hoch müsste. Schließlich tun meine Eltern wirklich viel für mich und verlangen dafür sehr wenig. Und die Lichterketten, seien wir mal ehrlich, sind der herzliche Weihnachtsempfang meiner Eltern, wenn Heiligabend die ganze Familie zusammenkommt. Es ist Tradition. Ich muss also ran.

Wieso wackelt dieser Typ vor mir in der Sitzreihe des Flugzeuges die ganze Zeit so stark? Er ist älter als ich. Kann man nicht still halten? Genervt packe ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und versuche zu ignorieren, dass mir sein Sitz ständig gegen die Knie schlägt. Nach der Hälfte des Fluges verstehe ich dann allerdings endlich, wieso er sich so benimmt: er reibt sich den Kopf, wackelt vor und zurück, dreht sich ständig nach links und rechts, schmeißt die Hände über den Kopf und reibt die Hände aneinander, als hätte er frisch Handcreme benutzt. Dieser unscheinbare Geschäftsmann hat furchtbare Flugangst und dass es draußen ein wenig windet, macht das Ganze für ihn wirklich nicht besser. Meine Gedanken vom Anfang tun mir einfach sehr leid und ich freue mich für ihn, als wir heil ohne weitere große Turbulenzen in Heathrow landen.

„Mama?“ das kleine Mädchen in ihrem hellblauen Kleid und den weißen Lackschühchen, die sie wie Cinderella aussehen lassen, zupft an dem Mantel ihrer Mama „Maaaamaaaaa!!“ flüstert sie erneut leise aber sehr bestimmt. Ihre Mutter reagiert: „Was ist denn Anna?“. Noch eine Spur leiser fragt das kleine Mädchen „Wieso weint die Frau dort vorne?“ Ihre Mutter bückt sich zu der Kleinen runter und erklärt ihr in einem ruhigen aber liebevollen Ton, dass die Frau einfach sehr doll Angst hat vor der Spinne, die der Mann vor ihr in den Händen hält. „Aber die Frau ist doch erwachsen, so wie du Mama. Wieso hat sie Angst? Und wieso nimmt sie die Spinne dann auf die Hand, wenn sie doch Angst hat?“. Kinder und ihr Gespür für die richtigen Fragen denke ich noch. „Weißt du Liebes, auch erwachsene Menschen haben Angst. Vor der Dunkelheit, vor Spinnen und vor noch so vielen Dingen. Aber manchmal muss man sich seinen Ängsten einfach stellen. Und das tut die Frau. Sie versucht ihre Angst zu bändigen, indem sie sich ihr stellt. Sie nimmt die Spinne auf die Hand und wird feststellen, dass das gar nichts schlimmes ist. Und danach wird es ihr vielleicht besser damit gehen, wenn sie erneut eine Spinne sieht.“ Die gute Dame, in ihrem langen Mantel, weiß in diesem Moment wahrscheinlich gar nicht, wie wichtig dieser Rat für die kleine Anna einmal sein wird.

Angst ist ein Gefühl, dass durch eine schlechte Erfahrung entstehen kann. Aber auch durch banale Dinge, wie die Szene in einem Film oder Erzählungen aus Horrorgeschichten. Jeder Mensch hat sein eigenes Päckchen an Angst zu tragen. Seien es Tiere wie Spinnen, alltägliches wie Dunkelheit oder Höhe, aber auch Angst verletzt zu werden. Angst verlassen oder hintergangen zu werden. Je älter man wird, desto spezifischer wird diese Angst und desto mehr prägt sie einen. Um sie alle zu überwinden, werden wir wohl nicht lange genug leben, da mit der Erfahrung auch immer mehr Ängste hinzukommen werden. Aber wir haben die Chance die ein oder andere Angst zu überwinden, indem wir uns ihr stellen. Die Frau, die versucht eine Spinne anzufassen und völlig aufgelöst zu sein scheint, jedoch letzten endes ein Erfolgserlebnis hatte.  Der Geschäftsmann, der keine andere Chance hat, als dieses Flugzeug zu betreten, da ihm sonst ein riesen Deal durch die Lappen geht. Ich für meinen Teil gehe mittlerweile in Kellerräume – nicht gerne, aber ich tue es.

Aber was ist mit den Ängsten, die mit Gefühlen zusammenspielen? Eine Beziehung aufgeben, die uns nicht mehr glücklich macht, weil etwas anderes einen mehr erfüllt – dafür aber das Risiko des Alleinseins in Kauf nehmen? Neue Menschen kennenzulernen, ohne zu wissen, ob sie es gut mit einem meinen? Einer Person Gefühle zu gestehen, trotz der Angst, diese nicht erwidert zu bekommen? Den Job zu kündigen, weil man einfach sehr unglücklich ist und dafür das Risiko einzugehen, arbeitslos zu werden? Diese Ängste begleiten jeden Menschen von uns Tag für Tag. Oft stellen wir uns ihnen nicht, weil wir vor dem Ergebnis zu viel Angst haben. Vor dem Scheitern.

Aber seien wir mal ehrlich: Was ist, wenn das was kommt, genau das richtige für uns ist? Wenn wir danach glücklicher sind, als wir es uns vorstellen hätten können? Ist es das wert, mit seiner Angst zu leben und dafür nicht zu 100% glücklich zu sein? Es wird immer Menschen geben, die uns verletzen und es wird auch immer Menschen geben, denen wir leider vor den Kopf stoßen müssen. Es wird immer Menschen geben, die uns verlassen und jene, die wir verlassen. Aber wenn danach das große Glück auf uns wartet, die große Liebe, der Traumjob, die perfekte Familie – dann ist all dies es Wert, unsere Ängste zu überwinden.

Es wird ein großer Kampf mit dem Engelchen und dem Teufelchen in uns. Auf jeder Schulter schimpft einer und weiß gute Ratschläge zu geben. Ein großer Kampf mit unseren Ängsten und unseren Gefühlen. Aber jede Mühe eine noch so kleine Veränderung hervorzurufen, die uns glücklicher macht, ist all dies wert. Natürlich gibt uns das Vertraute eine Sicherheit, aber macht uns genau dies wirklich glücklich? Oder ist es vielleicht sogar das ungewisse Neue, das uns reizt? Jede Änderung die wir in unserem Leben herbeiführen, können wir wieder abwenden, sollte sie uns doch nicht glücklich machen. Schließlich ist nichts für die Ewigkeit.

Lasst uns also beginnen, unsere Ängste gemeinsam zu überwinden. Wir können mit den winzig kleinen Veränderungen anfangen und uns von Mal zu Mal steigern. Wenn wir nie damit anfangen, wird uns unser Glück auch nie erreichen. Jedoch ist Glück unser größtes Gut. Auch ich werde langsam mal beginnen, mein eigenes Glück zu verfolgen und hierfür meine Ängste zu überwinden. Kleine Rückschläge fangen wir selbst auf, oder wir suchen uns Unterstützung bei Familie und Freunden – bei den Menschen, die uns guttun, die uns unser Glück gönnen und unsere Ängste verstehen. Die Menschen, die wir lieben und die selbes für uns empfinden. Solche, die uns mitten in der Nacht auffangen, weil es uns nicht gut geht und solche, denen wir alles erzählen und bei denen wir einfach wir selbst sein können. Denn das sind die Menschen, mit denen wir Ängste überstehen und unser großes Glück finden.

P.S. Danke dir für diese Inspiration ! ♥

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