Blogbeitrag der Einundfünfzigste

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Tag 19 im HomeOffice – ich hoffe es geht Euch allen gut und ihr und eure Liebsten sind alle gesund und verschont geblieben bisher?

Was hat sich in den letzten Tagen und Wochen für Euch verändert?

Was vermisst ihr am meisten?

Was sind Eure größten Ängste?

Was wird das Erste sein, dass ihr unternehmt, wenn alles vorbei ist?

Wen werdet ihr dann als erstes treffen?

Was denkt ihr überhaupt, wann das alles vorbei sein wird?

Und was ist das Positivste, was ihr aus dieser Coronazeit mitnehmen könnt?

Nun, ich für meinen Teil kann behaupten, dass ich dachte, mir würde mehr die Decke auf den Kopf fallen und ich wusste meinen großen Balkon wohl auch noch nie so sehr zu schätzen. Für mich hat sich mein Tagesablauf nicht so extrem geändert. Ich stehe weiterhin jeden Morgen auf, gehe mit einem Kaffee eine große Runde Gassi mit Paloma, nur dass ich danach nicht in´s Büro fahre, sondern halt in meiner HomeOffice-Ecke sitze. Die Aufgaben sind für mich im Prinzip dieselben geblieben, nur die Telefonate haben sich geändert. Man redet natürlich viel über die Situation, die Gespräche dauern meist länger als sonst und das ist auch gut so. Zusammenhalt wird derzeit größer geschrieben, als jemals zuvor.

Aber auch der Egoismus.

Ich liebe es momentan mich an neuen Dingen auszuprobieren. Backen, kochen, malen. Habe abends wieder Lust auf mein Klavier oder auch einfach ein gutes Buch auf dem Balkon, statt ständig zu netflixen. Allgemein hat sich einiges dann doch geändert. Ab 20:00 Uhr ist das Handy stumm und weit weggelegt. Der TV wird wiederum nicht vor 20:00 Uhr angeschmissen und selbst dann finde ich Spiele oder Bücher momentan einfach besser. Mein Bildschirmzeit hat sich dadurch deutlich verringert und das tut meinem Kopf und meiner Seele sehr gut.

Auch verändert haben sich die Gespräche mit meiner Familie. Ich habe meine Eltern, Großeltern, Tante, Onkel und Freunde nun seit einigen Wochen nicht gesehen. Und das fällt mir wirklich am schwersten. Ich habe furchtbares Heimweh zum Teil und vermisse meine Liebsten. Aber es ist nun einmal sicherer so und ich möchte niemanden in Gefahr bringen, gehört doch ein Großteil von ihnen zur schwerwiegendsten Risikogruppe. Ich bin ehrlich, zwischendurch überkommt mich eine Art Heimweh, wie es sonst nur Kinder kennen und ich weine. Dann muss ich Paloma in den Arm nehmen, mit ihr kuscheln und mache mir einen lustigen Film mit etwas zum Naschen an.

Meine größte Angst ist es, dass diese Situation noch einige Monate anhält. Mein Alleinsein ist schon furchtbar, aber wie fühlen sich wohl meine Großeltern? Schließlich weiß man mit Mitte 80 auch nicht mehr, wie viele Ostertage man noch mit den Kindern und Enkeln verbringen darf. Ich kann ihre Einsamkeit spüren. Da helfen auch die ständigen Videoanrufe mit Mama und Oma nicht wirklich weiter, aber zumindest geben sie ein bisschen mehr Halt.

Wenn wir diese Krise überstanden haben, werde ich als aller erstes, aber auch nur wenn es für sie wirklich ungefährlich ist, meine Großeltern besuchen. Sie in mein Auto stecken, zu meinen Eltern fahren und mit allen zusammen in die Stadt. Ein bisschen bummeln – das wünscht Oma sich. Etwas Gutes essen und trinken – das wünscht Opa sich. Und wir alle wünschen uns nichts mehr, als uns wieder in den Armen zu liegen. Und dann werde ich mit Paloma auf eine große Hundewiese. Wo sie laufen kann, so schnell und frei wie sie möchte und mit anderen Hunden spielen kann.

Ach ja – und ich werde zum Friseur gehen. Ich war seit Jahren nicht mehr, aber mir ist einfach danach. Einfach mal zu einer lieben Bekannten in den Salon gehen, ein bisschen verwöhnen lassen. Das hat man sich glaube ich nach der ganzen „Gammelzeit“ einfach verdient. Die Haare haben dann wahrscheinlich genug ausgefettet und die Haut wird ganz irritiert sein, wenn sie das erste mal wieder Make-up zu spüren bekommt.

Wann diese Zeit zu Ende sein wird? Ich kann es nicht einschätzen. Aber ich befürchte, es wird noch dauern. Und die Schäden, die es auch wirtschaftlich mit sich bringt, sind noch gar nicht auszumalen. Am 11.07. wäre mein 25. Geburtstag. Eigentlich sollte er etwas besonderes werden. Die letzten Jahre sind meine Geburtstage irgendwie immer alle ziemlich schiefgelaufen, nicht zuletzt der Tierklinikaufenthalt letztes Jahr mit Paloma. Ich wollte groß feiern, mit Freunden und Familie. Hatte schon so viele Ideen im Hinterkopf und hatte vor, mich mal richtig darauf einzulassen.

Jetzt traue ich mich gar nicht mehr zu planen. Lade niemanden ein bisher und versuche so wenig wie möglich über eine Feier nachzudenken, damit die Enttäuschung möglichst gering sein wird. Meinen Provence Urlaub, den ich seit einem Jahr sehnsüchtig plane, werde ich wohl auch erst einmal verschieben müssen. Auf nächstes Jahr. Oder das Jahr danach. Wir werden es sehen. Denn schließloch blühen die Lavendel Felder nur zwischen Juni und August.

Lavendel.

Ein Duft, der mir schon immer hilft. Oft nehme ich mir abends ein Lavendelsäckchen zur Hand, rieche daran und versuche dadurch in einen tieferen und erholsameren Schlaf zu gelangen. Bei meinen Yogaeinheiten versprühe ich auch immer Lavendel auf meine Yogamatte. Momentan hilft mir der Duft, von etwas zu träumen, das leider in eine unbekannte Ferne verschwindet. Aber alles passiert aus einem Grund. Mein Motto. Ein Motto nach dem ich schon immer lebe und das mir die Antwort auf alle Fragen gibt, wenn etwas gar nicht gut läuft.

Die Aromatherapie reicht hunderte, wenn nicht sogar tausende Jahre zurück. Vielleicht hilft Euch ein bestimmer Geruch auch, wenn es Euch zur Zeit nicht gut geht. Wenn ihr entspannen wollt oder auch zum Einschlafen – probiert es aus!

Aber welchen Grund gibt es für die derzeitige Situation? Was werden wir Positives mit daraus nehmen? Werden wir bewusster einkaufen? Die Umwelt regeneriert sich, das ist schon einmal etwas sehr sehr Positives. Werden wir unsere Mitmenschen wieder mehr zu schätzen wissen? Die lokalen Geschäfte mehr unterstützen, statt Amazon & Co.? Was möchte uns diese Situation beibringen und wie viele Opfer müssen wir vorher lassen, damit wir lernen und verstehen?

Bisher ziehe ich aber wenigstens ein paar positive Dinge aus dieser Zeit: Ich achte wieder mehr auf mich. Ich mache abends Sport (zumindest, wenn der Muskelkater mich nicht grad umbringt), ich lese ein gutes Buch, ich koche und backe, verbringe viel Zeit damit Paloma zu kuscheln. Ich schreibe Briefe an die Liebsten oder auch Ostergrußkarten. Kleine unwichtige Dinge verschwinden, die einen zuvor sehr verärgert haben – es gibt nun einmal wichtigeres und schlimmeres momentan. Und ich schreibe endlich wieder an meinem Buch, das seit letztem Sommer leider liegen geblieben ist, auf Grund vieler Umstände.

Mich begeistern die Universitäten, Schulen und auch Unternehmen, die Digitalisierung immer abgetan haben und jetzt jedoch so schnell handeln konnten (auch weil sie es mussten). Hausaufgaben werden per Internet zur Verfügung gestellt. Tanzstunden, private Yogastunden und auch Reitstunden werden per Videocall gemeistert. Klausuren werden online geschrieben, Vorlesungen finden online statt. Eine alleinerziehende Mutter kann plötzlich doch im HomeOffice arbeiten, damit die Firma nicht pleitegeht. Allgemein funktioniert HomeOffice plötzlich in Firmen, in denen es immer undenkbar war.

Die Digitalisierung schreitet voran. Sei es in Schulen, Universitäten oder eben auch bei Ämtern. Und die Netzbetreiber müssen umdenken. Stellen HomeOffice-Arbeitenden mehr Internet für weniger Geld zur Verfügung. Plötzlich denken alle um. Nicht nur, um aus der aktuellen Lage Geld zu machen, sondern auch, um die Wirtschaft irgendwie aufrecht zu erhalten. Um allen Menschen die Chance zu geben, weiter zu arbeiten. Trotz der Kinder zu Hause.

Eine Mutter oder auch ein Vater muss momentan das 100-fache vom normalen Alltag leisten. Normalerweise gehen die Kinder morgens zur Schule und lernen dort. Man selbst sitzt im Büro und abends am Essenstisch wird sich dann über alles unterhalten. Manch ein Elternteil hat das Gefühl, die Geschwindigkeit des älter werden´s bei den eigenen Kindern nicht aufhalten zu können. Genauso haben viele Kinder das Gefühl, mit ihren Problemen und Ängsten alleine dazustehen. Schließlich arbeiten Mama und Papa den ganzen Tag, die Hausaufgaben die man nicht versteht, müssen abends zum Essen bereits erledigt sein. Und dann sind die Eltern von der eigenen Arbeit so gestresst und entnervt, dass man ihnen mit den eigenen Sorgen nicht zur Last fallen möchte.

Nun gibt es eine 180 Grad Drehung. Die Eltern sind den ganzen Tag bei ihren Kindern. Morgens wird vielleicht etwas später aufgestanden als sonst – das soll auch allen gegönnt sein. Dann wird der Esszimmertisch zur Schule und gleichzeitig zum HomeOffice. Man erlebt die Entwicklung der Kinder ganz anders und auch die Kinder erleben den Alltag eines Berufstätigen von einer anderen Seite.

Papa hat einen wichtigen Videoanruf? Also müssen die Kinder erst einmal in den Garten vorher geschafft werden. Was aber, wenn eines der Kinder einmal stürzt und sich verletzt? Videoanruf unterbrechen oder hält der Chef einen dann für unfähig? Wie soll man Kochen, Homeschooling, Haushalt, Homeoffice und das Partnerleben unter einen Hut bringen, wenn alle Parteien einer Familie 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche aufeinanderhängen?

Oft wird es zur Zärgeleien unter den Kindern kommen und die Eltern am Ende ihrer Nerven seien. Gerade jetzt muss der Zusammenhalt stärker sein, als jemals zuvor. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass auch eine Mutter/ ein Vater einfach mal am Ende der Kräfte ankommt. Und auch kann ich es verstehen, wenn dann mal eine Aufgabe aus dem Schulheft vergessen wird oder unter den Tisch fällt. Nach einem anstrengenden Tag mit vielen Aufgaben und viel Arbeit darf dann auch einfach mal etwas Schnelles aus dem Backofen auf den Tisch kommen. Eine Tiefkühlpizza vielleicht. Deswegen sind es nicht gleich Rabeneltern.

Besondere Situationen fordern besondere Handlungen. Und dass wir momentan in einem Ausnahmezustand und einer völlig unbekannten Situation leben, da kann mir wohl jeder zustimmen.

Ich feiere meinen Geburtstag nun wahrscheinlich nicht. Ich verstehe das und für mich ist es okay. Es macht mich zwar traurig, aber es ist einfach besser so. Aber Kinder verstehen so etwas nun einmal nicht. Die kleine Tochter einer Freundin wurde vergangene Woche 6 Jahre alt. Der erste Geburtstag, seitdem sie zur Schule geht. Eigentlich sollten alle Freunde kommen, die man in dem letzten dreiviertel Jahr kennengelernt hat. Ihrer Mutter brach es das Herz, als sie ihr erklären musste, dass sie den Geburtstag nur mit Mama und Papa und ihrem kleinen Bruder verbringen würde.

Keine Freunde, keine Familie, nicht einmal die heiß geliebten Großeltern würden dabei sein. Nur über das iPad gratulieren können. Der Geburtstag würde zu Hause im Garten zu viert stattfinden. Die kleine Maus hat furchtbar angefangen zu weinen, ist auf ihr Zimmer gerannt und meine Bekannte und ihr Mann sahen sich verzweifelt an. Wussten sich nicht recht zu helfen oder die kleine zu beruhigen. Aber dann kam die Kleine plötzlich aus ihrem Zimmer wieder nach unten in den Wohnbereich, wo ihre Eltern noch verzweifelt auf der Couch saßen. Sie wischte sich die Tränen ab, schluchzte noch einmal laut, stampfte mit den Beinen in den Boden und stoß ihre kleinen Hände in ihre Hüfte. „Nun gut, dann ist das jetzt eben so. Wenn ich dafür Oma und Opa beschützen kann ist es richtig so. Und wenn ich dennoch den Kirsch-Bananen-Kuchen bekomme, ist das für mich in Ordnung. Dann feiere ich nächstes Jahr einfach mit allen zusammen.“ Sie nahm ihre Eltern in den Arm und glaubt mir, meine Freundin war sprachlos. Sie wusste gar nicht, wie erwachsen ihre Tochter war. Und glaubt mir auch, ihr war alles daran gelegen, das Mehl für den Kuchen zu bekommen und lief durch fünf verschiedene Supermärkte, bis sie endlich welches ergattern konnte.

Natürlich war der Geburtstag für die Kleine nicht so, wie er für eine 6-jähirge sein sollte. Sie wird ihn wahrscheinlich auch nicht als den schönsten in ihrem Leben in Erinnerung behalten. Aber sie hat ihren Eltern und uns als Freundes- und Familienkreis bewiesen, wie toll ein Kind mit dieser Situation umgehen kann und dass wir das auch sollten. Schließlich sind wir die Erwachsenen, die reiferen mit viel mehr Erfahrung.

Die derzeitige Situation bringt einige Einschränkungen mit sich, aber es werden auch wieder bessere Zeiten kommen. Ich kann diese kaum abwarten. Aber irgendwann werden wir auf diese Zeit zurückschauen und wissen, für was sie gut war.

Irgendwann werden wir die Freiheit zurück haben, die uns derzeit allen so fehlt.

Passt weiterhin auf Euch auf und bleibt gesund!

2 Antworten

  1. Liebe Frau Ney,

    toller Blogbeitrag 🙂 Hat wirklich Freude bereitet, zu lesen!

    Bleiben Sie gesund und frohe Ostern.

    Lieben Gruß
    Stefani Krull

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