Blogbeitrag der Einunddreißigste

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Über das Vermissen – oder auch:
Wenn die wichtigsten Menschen nicht um einen herum sind !

Wer kennt es nicht?  Nach der Schule erst einmal ein Jahr reisen. Vielleicht Amerika, Neuseeland oder auch Australien. Mitten im Studium ein Auslandssemester ablegen. In London, Madrid oder auch Rotterdam.

Wenn man es nicht selbst erlebt hat, dann hat man wenigstens einen Menschen im Freundes- oder Familienkreis, der dieses Abenteuer erlebt hat. Die beste Freundin verschwindet für zunächst sechs Monate in Australien, aus Au-pair. Lernt hier einen jungen Mann kennen, verliebt sich, heiratet, wird schwanger und plötzlich, ja plötzlich sind es nicht mehr nur sechs Monate, sondern bereits viereinhalb Jahre.

Auslandserfahrungen verändern die meisten Menschen. Man entwickelt sich ganz anders als zu Hause. Ist mehr auf sich alleine gestellt, in einem fremden Land, mit fremder Sprache, bei fremden Menschen. Und auch hier lebt man sich nach einiger Zeit ein. Fremde Menschen werden zu Freunden. Vielleicht zu einer Art Familie.

Eine riesen Erfahrung, die man nicht mehr missen möchte.

Zumindest stelle ich es mir so vor. Selbst habe ich kein Auslandsjahr gemacht. Kann mich nur an die unzähligen Chor- und Orchesterreisen, Reiterhofwochenende und Ferien erinnern. Und auch hier ist es schon so gewesen. Aber ich war nach zwei maximal vier Wochen wieder zu Hause.

Aber was ist mit den Menschen, die zu Hause bleiben? Freunde, Eltern, Großeltern, Geschwister und Partner? Diese fallen oft in ein Loch von Vermissen und Angst um den geliebten Menschen. So weit weg, was da alles passieren kann.

Und die Furcht, vor der Veränderung.

Was wenn der geliebte Mensch nicht mehr zurückkommt? Oder was, wenn der geliebte Mensch zurückkommt und sich vollkommen verändert hat? Wenn man nicht mehr zueinander passt? Es der Person vor Ort besser gefallen hat, als zu Hause? Oder wenn sich „zu Hause“ nicht mehr nach dem anfühlt, was es sollte?

Dabei vergessen wir oft, dass sich Menschen auch hier bei uns weiterentwickeln. Dass sie gar nicht mit der Absicht des Nicht-Wiederkommens weggehen, oder gar der Entfremdung. Dies ist ein stetiger Lauf des Lebens, den wir nicht zu verhindern wissen. Den keiner verändern kann.

Ein Mensch, der nicht in Eurer näheren Umgebung, in Eurem Alltag ist, vergisst Euch deswegen nicht direkt.

Aber es gibt auch eine andere Seite des Vermissens:

Fernbeziehung, Fernfreundschaft oder … nun wie nennt man das, wenn man weit von den Eltern weg wohnt?

Meine Eltern, meine Freunde und mein Partner wohnen in meiner alten Heimat. Ich bin wegen der Arbeit umgezogen, vor noch nicht allzu langer Zeit. Dass ich so richtig angekommen bin, kann ich nicht behaupten. Das wäre noch zu früh gesagt. Ich habe weder meine alltägliche Gassirunde gefunden, noch kenne ich die Nachbarn richtig, oder den Postboten. Um einzukaufen, muss ich immer noch das Navi anschmeißen und mich vor allem an die anderen Öffnungszeiten der Geschäfte gewöhnen. Von der Großstadt wieder auf´s Dorf.

Aber ich genieße es auch. Morgens ist es ruhig, nachts sieht man die wundervollen vielen Sterne und oft begegnen wir anderen Hunden oder auch Pferden. Alle sind sehr hilfsbereit und aufgeschlossen. Ich bin ein Dorfkind und hier fühle ich mich wohl.

Nur dieses Gefühl war gar nicht so einfach.

Einige Wochen bevor ich umzog, überkam mich die Angst. Ich würde dort schließlich niemanden kennen. Was, wenn ich alleine wäre? Unglücklich? Und mich absolut unwohl fühlen würde? All diese Ängste überkamen mich von einem Tag auf den Anderen und überforderten mich bis ins Unermessliche. Nicht nur meine Familie und Freunde, sondern auch auf der Arbeit war dies schnell bemerkt und alle redeten mir gut zu.

Nichts ist für die Ewigkeit und ein Umzug ist nichts, was sich nicht wieder rückgängig machen lässt. Das heißt nicht, dass ich Familie und Freunde verliere. Dass ich mich von meinem Partner entfremden muss. Dass ich meine Familie vernachlässige und meine Freunde aus den Augen verlieren werden.

Auch wenn es mir alle gesagt haben.

Aber es ist der Lauf der Dinge. Der Lauf der Zeit und was es eben so mit sich bringt, älter zu werden. Man zieht von zu Hause aus. Man entwickelt sich weiter.

Natürlich vermisse ich manchmal die Geborgenheit meines alten Zuhauses.

Aber dann schaue ich mir entweder die Fotos an meiner Wand im Flur an, telefoniere mit meinen Liebsten und wenn es gar nicht anders geht, setze ich mich in mein Auto und fahre zu ihnen. Ich vermisse die gemeinsamen Fernsehabende, den Kaffee zusammen am Morgen oder das bis tief in die Nacht gemeinsam reden und lachen. Aber egal wann ich etwas habe, ich kann jederzeit zu ihnen fahren. Nur dass ich bis vor wenigen Wochen, trotz meiner eigenen Wohnung, meine Liebsten immer noch in unmittelbarer Umgebung hatte.

Wesentlich krasser und schmerzlicher als die natürliche Abkopplung von den Eltern, empfinde ich die Trennung von meiner besten Freundin. Die letzten drei Jahre bis sie auswanderte und ich danach wegzog, waren wir ein perfekt eingespieltes Team, das sowohl berufliche Projekte als auch sämtliche Männerprobleme und familiäre Angelegenheiten zusammen stemmte.

Wir haben uns fast jeden Tag gesehen. Alltag geteilt. Während unseres gemeinsamen wochenlangen Urlaubs zusammengewohnt in meiner alten Wohnung. Alle, die uns kannten, haben uns scherzhaft als altes Ehepaar bezeichnet. Andere dachten sogar, dass wir heimlich ein Paar sind. Ein Paar im romantisch-sexuellen Sinne waren wir nie.

Wir waren Seelenverwandte, die einander blind verstanden und für den anderen über Leichen gegangen wären.

Doch nun ist es anders. Ich vermisse, wie wir abends zusammen Serien schauen, den See nahe meiner alten Wohnung zu unserem Garten umfunktionieren, jegliche Clubs unsicher machten und über alles redeten. Wir haben keine gemeinsamen Pläne mehr. Ich vermisse meine beste Freundin hier bei mir. Ich vermisse gemeinsames Kochen, Einkaufen gehen, ja selbst Wäschewaschen. Über ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass unser gemeinsames Leben endete und ich realisiere erst jetzt, wie groß die Lücke ist, die sie hinterlassen hat. Und das macht ein Umzug nicht unbedingt einfacher.

Aber das Leben geht weiter. Man entwickelt sich weiter. Lernt neue Menschen kennen und merkt, wie wichtig es ist, niemals aufzugeben.

Das Vermissen der wichtigsten Menschen ist bittersüß, denn es erinnert daran, dass es da draußen Menschen gibt, mit denen man eng verbunden ist. Wäre es anders, dann würde man sie nicht vermissen. Das Vermissen ist quasi das Indiz für die bestehende Bindung. Und solange ich vermisse, liebe ich auch. Deswegen ist in diesem Zusammenhang mein Synonym für Liebe ab jetzt das Vermissen.

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