Blogbeitag der Vierzehnte

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Blogbeitrag der Vierzehnte

Mobbing.
Mobbing zerstört.
Mobbing zerstört Menschen. Kinder. Familien.

Hallo ihr Lieben, mir fällt dieser Beitrag sehr schwer, weshalb ich ihn bis Dienstagabend um 20:40 Uhr hingeschoben habe. Aber das darf nicht so bleiben. Ich versuche alle meine Gedanken zu sortieren, entschuldige mich aber jetzt schon, wenn ich keinen roten Faden finde dieses Mal. Es schwirrt zu viel in meinem Kopf herum.

Mobbing.
Ein Thema, welches zu oft in Schulen vorkommt, im Privatleben stattfindet und leider auch im Beruf oftmals nicht aufhört.
„Wer gemobbt wird ist selber schuld.“ – Es tut mir leid, aber diese Meinung kann ich nicht zu 100% vertreten.

Wieso mich dieses Thema gerade beschäftigt? Weil es mich seit meiner Grundschulzeit nie losgelassen hat. Mit Tränen in den Augen sitze ich gerade hier und verstehe die Welt immer noch nicht. Auch noch nicht im Hier und Jetzt. Es fing bei mir in der dritten Klasse circa an. Mir wurden meine langen Haare damals abgeschnitten. Hüftlang war dann plötzlich nur noch ein Pottschnitt, so gerade eben über den Ohren. Damit es nicht ganz so schlimm war, verpasste meine Mama mir lieb gemeinter Weise ein paar rote Strähnen. Und schon war das perfekte Mobbingopfer geboren. Meine langen schönen dicken Haare waren weg und stattdessen litt ich plötzlich unter dem Spitznamen „Pumuckel“. Nicht schlimm meint ihr? Für ein Mädchen von 9 Jahren war es grausam. Die älteren Jungs fingen an und die Mädchen zogen nach.

Das Gymnasium kam und alles musste besser werden. Dachte ich zumindest. Heute weiß ich, wer sich selbst als Opfer sieht, der verkauft sich auch als dieses. Ich machte mich selbst zum perfekten Opfer. Die fünfte und sechste Klasse ging es noch. Aber ich war bis zur neunten Klasse immer größer als die anderen, selbst als die Jungs. Punkt Eins.

Zu Punkt Zwei trug dann die Scheidung meiner Eltern, der plötzliche Tod beider Großeltern, der Verlust meines geliebten Hundes Goethe und meine unendliche Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, wegen all diesen Gründen, bei. Ich weinte viel. Auch vor anderen. Und ich redete viel. Zu viel für den Geschmack einiger. Eine Sache, für die ich heute wertgeschätzt werde und über welche ich froh bin, sie nie abgelegt zu haben. Punkt 3.

Wenn ich mich recht erinnere kamen dann als Punkt 4 noch ein oder zwei Jahre von leichter Aggressivität dazu. Hoffnungslosigkeit, Unverständnis, Verbitterung. Unterschätzte Überltäter. Heute wüsste ich damit umzugehen. Mit den richtigen Menschen darüber zu sprechen. Überschüssige Energie beim Sport rauszulassen und einfach auch mal etwas runter zu schlucken. Aber nicht als pubertierendes Mädchen.

Ich möchte keinem die Schuld daran geben. Ich glaube bis heute, dass viele Jugendliche nicht wissen, was sie anderen damit antun. Aber auch das gilt für mich nicht immer als Ausrede. Wir waren junge Erwachsene. Spätestens ab Ende der Mittelstufe wussten wir, was wir anderen damit antun können.

Mädchen die ihre Nacktfotos an Jungs senden, weil sie ihnen vertrauen. Schließlich liebt er mich doch. Und die Junge, unbedacht, weil sie so stolz darauf sind, zeigen diese ihren Freunden weiter. Und diese finden es vielleicht lustig, sind neidisch, oder was auch immer und senden diese wieder weiter. Was das alles für Konsequenzen haben kann, darüber denkt keiner nach. Nur das arme Mädchen wird leiden.

„Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – diese Auszeichnung erhielt meine Schule damals leider nicht mit Recht. Ich weiß leider bis heute nicht, was man für diese Auszeichnung alles bewerkstelligen muss, aber ich weiß, dass man sie nicht ernst nehmen darf. An dieser Schule wurde gemobbt. An dieser Schule wird auch mit Sicherheit immer noch gemobbt. Denn der Täter, das Smartphone, ist immer mit dabei. Und es hört nicht nach Unterrichtsende auf, denn das Handy hat man immer bei sich. Tag und Nacht. Mobbing gibt es nicht nur auf dem Schulhof. Spätestens seit Schüler VZ, Facebook, Instagram & Co. ist Cyber Mobbing ein ganz großes Thema. Und es wächst immer weiter. Ohne Halt.

Der Täter das Smartphone.

Lieber Lukas, diese Worte treffen direkt in die Tiefe meines Herzens. Unser Treffen am Montag ging mir sehr nah. Mir fehlten die Worte, um dir wirklich zeigen zu können, was du da tolles in´s Leben gerufen hast! Cyber Mobbing. Facebook. All dies sind Dinge, über die ich nicht nachdenken möchte.

Ich werde niemals die Nacht im Juni 2011 vergessen. In der Nachbarstadt war gerade Kirmes. Ich konnte nicht schlafen. Habe mich weinend in meinem Bett in Hagen Haspe hin und her gewälzt. Meine Mutter und ihr damaliger Lebensgefährte schliefen im Schlafzimmer nebenan längst, es war irgendetwas um halb eins nachts herum.

Die Tränen flossen über mein Gesicht. Waren die Menschen wirklich besser dran ohne mich? War meine Familie besser dran ohne mich? Hatten diese Mitschüler vielleicht sogar das Recht dazu, mir so etwas auf die öffentliche Pinnwand meines Facebook Accounts zu schreiben? Dass sie mir weh tun würden. Dass alles ein Ende nehmen würde. Dass ich hässlich sei. Zu dünn und zu groß. Nachrichten über Nachrichten von denen, die es sich nicht öffentlich getraut haben, gingen noch zusätzlich bei meinem Messenger ein. Ein Shitstorm verursacht von über 80 Schülern. Meine Großeltern wären gar nicht gestorben. Das wäre unmöglich innerhalb von 3 Tagen.

Heute würde ich ihnen gerne sagen, dass wenn sie doch so fit im Internet wären, gerne nach den Todesanzeigen googeln könnten.

Ich wäre im Dezember zuvor gar nicht so krank gewesen, dass ich operiert hätte werden müssen – ich hätte einfach nur geschwänzt.

Gerne können wir uns einmal im Sommer im Freibad treffen, ich zeige Euch die Narbe.

Meine Eltern hätten sich wegen mir getrennt. So etwas absurdes, wie ich heute weiß. Ich wäre eine Schlampe, die mit jedem schlafen würde. Ihr lieben Mobber von damals, auch wenn es Euch gar nichts angeht, meine Jungfräulichkeit verlor ich erst wenige Wochen vor meinem 18. Geburtstag! Kein Alter für das man sich schämen müsste!

Es wurden Geschichten über Geschichten erzählt. Selbst Lehrer verstanden nicht, dass die Narbe an der Brust keine Schönheitsoperation war und machten sich im Schwimmunterricht lustig.

Irgendwann in dieser Nacht war es mir zu viel. Ich stand auf, ging zu meiner Mama rüber, welche so schockiert war, über das was ich ihr erzählte, dass sie zunächst mitweinte. Meine Angst wurde auch ihre Angst. Sie meinte ich solle sofort meinen Laptop holen und den beiden alles zeigen. Am Tag darauf ging meine Mutter mit mir zusammen zum Direktor, welcher mich endlich zum Glück ernst nahm und mir half.

Aber auch ein offenes Gespräch vor der Klasse, um welches ich meine Mathelehrerin bat, brachte nur wenig Verständnis. Ein paar wenige beschämte Gesichter. Aber, auch wenn es nur eine Hand voll Mitschüler war, es brachte mir auch Menschen, die zu mir hielten. Ganz plötzlich stand ich nicht mehr so alleine da. Sie kamen entschuldigend auf mich zu. Und auch wenn daraus keine Freundschaften wurden, wir verstanden uns gut und kamen miteinander aus.

An Euch lieben Mitschüler von damals: Danke!
Und an dich liebste Mama: Tausendmal Danke! Ein Schulwechsel wollte ich nicht, aber du hättest mir die Chance dazu gegeben. Du hieltst zu mir und standest hinter mir – ohne jeglichen Vorwurf und mit unendlich viel Liebe! Heute weiß ich, dass es Menschen gab, denen ich nicht egal war. Und denen ich auch immer noch wichtig bin. Die tot traurig wären, würde es mich nicht mehr geben. Ich bin froh, nicht all zu viel Zeit an diesen furchtbaren Gedanken verschwendet zu haben.

Meine prägendste Erfahrung mit Mobbing war dies allerdings noch nicht. Und aufhören sollte es hier auch noch nicht.

So richtig kann ich mich diesem Thema erst seit knapp zwei Jahren stellen. Ich weiß nun mit Menschen umzugehen, die etwas an mir nicht leiden können. Und ich weiß vor allem auch, dass ich selbst viele Fehler gemacht habe. Um von mir abzulenken, habe ich selbst über andere hergezogen. Das gab mir immer das Gefühl dazuzugehören. Heute frage ich mich, wieso ich überhaupt mal zu dieser Art Mensch dazugehören wollte. Und ich schäme mich, bei anderen Menschen weggeguckt zu haben, um nicht wieder in die Rolle des Opfers zu geraten.

Ich habe durch Wertschätzung meiner Mitmenschen, meiner Freunde, meiner Familie, meinem jetzigen Chef und meinen Kollegen erst gelernt, dass es richtig war, nie aufzugeben und vor allem mich niemals selbst aufzugeben.

Aber zu diesem Zeitpunkt gelangen nicht alle. Auch Mobbing am Arbeitsplatz ist ein Thema, dem sich vor allem viele Arbeitgeber nicht stellen wollen. „Bist du dir sicher, dass du dieses Müsli essen willst? Du bist doch dick genug!“ „Als ob Sie wirklich Schmerzen haben, ich komme schließlich auch arbeiten. Sie sind einfach nur zu faul.“ Und Und Und … Ich bin froh voller Überzeugung sagen zu können, dass es so etwas in unserem Unternehmen nicht gibt. Ich wünschte, das könnte ich über meine letzten Jahre immer behaupten.

Mobbing. Ein in Mode gekommenes Thema, leider viel zu spät. Menschen wie Lukas von „MeinSchwerte“ oder auch Menschen wie Carsten Stahl (Kooperation mit Heinz von Heiden) gibt es leider noch zu wenig. Mir selber wird während dieses Beitrages immer mehr klar, dass ich mich mehr mit diesem Thema beschäftigen möchte. Ich meine behaupten zu können, die Menschen hinter der Fassade heute besser erkennen zu können. Es gibt Gründe, wieso Menschen mobben. Wieso Menschen wegschauen. Und wieso Menschen gemobbt werden.

In einer Gesellschaft darf es nicht passieren, dass junge Menschen Suizid begehen, weil sie sich nicht geliebt fühlen. Nicht akzeptiert. Gehasst. Gemobbt. Ausgestoßen.

Es ist noch gar nicht so lange her, als ich einen Abend nicht einschlafen konnte. Also kramte ich mein Handy hervor und öffnete Facebook. Scrollte ein bisschen hoch und runter, schaute das ein oder andere Video und stieß dann auf einen Onlineartikel einer Zeitung. Es ging um eine Aktion, bei welcher in ganz Deutschland zu einem bestimmten Zeitpunkt Kerzen in die Fenster gestellt werden sollten, für verstorbene Kinder. Der Artikel an sich war bereits grauenvoll. Ich musste schlucken. Aber beim Lesen der Kommentare blieb ich an einem hängen, welcher ungefähr wie folgt lautete: „Zündet auch eine Kerze für mein Mädchen an. Sie ist dort oben im Himmel. Ein ganz liebes Mädchen. Ich vermisse Dich so sehr mein Kind.“

Mir blieb der Atem stocken. Und auch wenn mehrere solcher Kommentare zu finden waren, aus irgendeinem Grund öffnete ich das Profil dieser Frau und musste mit Erschrecken feststellen, dass ich dieses Mädchen kannte. Die Tochter dieser Frau ging auf meine Schule. Ich sperrte sofort mein Handy, aber die Tränen flossen schon. Es lies mich jedoch einfach nicht mehr los. Erneut auf der Seite der Frau entdeckte ich, dass es für ihre verstorbene Tochter noch ein Profil gab. Jeden Tag hinterließ die Mutter ihr einen Beitrag auf der Pinnwand. Wie sehr sie sie vermisste. Wie es ihren Geschwistern erging. Dass sie die Welt nicht verstehen konnte. Dass sie hoffte, dass es ihrem Mädchen nun besser ging. Wieso sie nicht vorher helfen konnte.

Und so langsam begriff ich, dass dieses Junge Mädchen Suizid begonnen hatte. Ich weinte, ich weinte unerbittlich, so wie jetzt und verstand die Welt nicht mehr, wieso dieses wunderschöne Geschöpft so früh von uns gehen musste.

Mir fließen gerade die Tränen, sodass ich kaum noch die Tastatur erkennen kann. Ihr lieben Menschen da draußen, das ist ein Zeichen! Wir müssen helfen! Wir dürfen nicht mehr wegsehen – wir müssen einschreiten! Wir müssen mehr darüber nachdenken, was wir zu anderen Menschen sagen und wie wir andere Menschen behandeln.

Meine ersten Schritte in die Richtung etwas zu verändern sind hiermit getan. Ich werde nicht aufhören und weiter darum kämpfen. Solltet ihr Probleme mit Mobbing haben, oder Freunde / Familie / Bekannte von Euch, so meldet Euch bitte bei mir.
Alles bleibt unter uns in den privaten Nachrichten!

Ich helfe Euch. Wir helfen Euch. Denn ihr seid niemals alleine. Und ihr seid es alle wert, dass ihr Unterstützung bekommt.

Zudem möchten wir Euch gerne zu dem Vortrag von Carsten Stahl auf unserer Eröffnung am Samstag, den 06. April einladen. Stattfinden wird das ganze im Kompetenzcentrum von Heinz von Heiden; Schanzenstraße 6-20 in 51063 Köln. Bringt Familie und Freunde mit. Feiert mit uns diesen Tag und hört, was Euch ein Profi zu sagen hat. Vielleicht könnt ihr eine Chance ergattern, dass er auch an eure Schule, oder die eurer Kinder kommt.

 

Mobbing.
Es muss aufhören.
Es muss etwas getan werden.
Hier und Jetzt.
Schaut hin – hört hin & helft!

 

– Mein Lieblingssatzzeichen ist das Semikolon. Es zeigt, dass etwas noch nicht vorbei ist. –

4 Antworten

  1. Liebe Lara, erneut ein Blog, der mir Tränen in die Augen schiessen lässt! TOLL!!!!!!!!!! Ich bin soooooo stolz auf DICH !!!!! Auch ich habe häufig weinende Menschen in meiner Praxis wegen Mobbing sitzen. Und auch ich helfe all denen, die Hilfe benötigen!

  2. Liebe Lara, ich bin zufällig über diesen Blog gestolpert – großer Respekt davor, dass du so offen über deine Jugendzeit sprichst, ich erinnere mich an manches aus dieser Zeit, und manches erscheint in einem anderen Licht. Es macht mich sehr betroffen, dass dieses oft so fröhliche, vielleicht etwas überdrehte Mädchen von damals auch so eine traurige Seite zu erzählen hat. Es ist schön zu hören, dass du deine innere Balance gefunden hast und dich dafür einsetzt, dass andere Menschen mit diesem Problem nicht alleine sind. Du hast etwas Gutes aus dir gemacht! Viel Erfolg auch weiterhin!
    MS

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